Zu Fuss zu Johann Heinrich Füssli (1741-1825): Nachtmahr, 1802 - (10)

"Der Schriftsteller hat versucht,
die unzusammenhängende, aber scheinbar logische Form
des Traumes nachzuahmen.
AIles kann geschehen, alles ist möglich und wahrscheinlich.
Zeit und Raum sind nicht vorhanden,
auf einem unbedeutenden wirklichen Boden
spinnt die Einbildung weiter und webt neue Muster: eine Mischung von Erinnerungen, Erlebnissen, freien Einfällen, Unwahrscheinlichkeiten und
Gelegenheitsdichtungen."

August Strindberg


Einige Traumbögen zur Schläferin

1. Bogen


Der Träumerin als zentraler Figur im Bild, kommt - verglichen mit den beiden Geistern- formal nicht die gleiche Bedeutung zu.
Das liegt eben an diesem Staunen vor dem Rätselhaften.

Das Rätselhafte, das Unbekannte zieht die Aufmerksamkeit der Menschen von jeher automatisch an- denn es ist überlebensnotwendig, regt nebenbei auch die Hirntätigkeit an. (formale Gründe stehen in Station 2 unserer Reise)
Selbst ein Neugeborenes unterscheidet schon in den ersten Wochen seines Daseins zwischen Bekanntem und Unbekanntem- wenn man ihm zwei Gegenstände zur Betrachtung/ zum Betasten vorzeigt. Untersuchungen ergaben, dass die längste Verweildauer des Blickes/ der Aufmerksamkeit immer auf dem unbekannten Gegenstand lag.

Die Aufmerksamkeit des Betrachters dieser beiden merkwürdigen Gestalten ließe uns die Schläferin nur marginal wahrnehmen, wenn sie nicht diese außergewöhnliche Schlafverdrehungen ihres Körpers und diese exorbitant schlaffe, auch der Fahltheit des Lichtes geschuldete, Körperform besäße. Wir haben festgestellt, dass sie einen Typus von Frau darstellt und nicht mit besonderen, individuellen Merkmalen ausgestattet ist.

Dies wird erst so richtig bewusst, wenn man ihren Kopf betrachtet, der mich persönlich (von der ersten Minute an) an die halb lebendig scheinenden Büsten von Georgio de Chirico (einem der Stammvater der surrealistischen Maler) erinnerte.
Heute begab ich mich auf einem der Nebenwege um den Bildmagneten dann auch in seine Richtung. Ergebnis eines Vergleiches sind die nachfolgenden Bilder, die mein Bildgedächtnis bekräftigten. Es scheinen mir folgende Vergleiche zur Gegenüberstellung mit dem Nachtmahr ganz treffend zu sein:

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Detail der Version des Nachtmahr von 1801/02, um 180 Grad gedreht

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Ausschnitt der Version 1 des Nachtmahr, in dem unsere Schläferin bedeutend lebendiger, etwas individueller (und damit näher an Anna?; das Haar, die Uhr, die lockere Faltung des erotischen Busens) gestaltet wurde- besitzt nicht diese Nähe zu den plastischen Vorbildern.

Fazit: Füssli strebte mit dieser veränderten Darstellung des Frauenbildes einen Bedeutungswandel des Gesamtbildes an - von der noch relativ individuellen Frauenfigur hin zur stilisierten, halb tot/ halb lebendig wirkenden, unspezifischen Träumerin (Typisierung).

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Georgio de Chirico, Song of Love

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Fragments of Green Hills facades in Giorgio de Chirico’s paintings

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The Soothsayer's Recompense, oil on canvas by Giorgio de Chirico, 1913; in the Philadelphia Museum of Art

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Römische Skulptur


Was bringt uns dieser Bildvergleich mit de Chirico?

1. de Chirico und Füssli schöpften beide aus den Arsenalen von Traum und Wirklichkeit (Sylvia hat unlängst ein wunderbares Video entdeckt, das diese alptraumhafte, stille Atmosphäre de Chiricos Bilder in Szene setzte)

2. beide Künstler orientierten sich an den antiken Skulpturen, die sie studierten. Füssli erarbeitete mit seiner, formal an Skulpturen angelehnten, Frau eine, dem Bildthema Alptraum angepasste, Typisierung- eine universellere Darstellung als in den Varianten davor.

3. beide Künstler schufen sehr häufig theatralisch- bühnenenhafte Bildatmosphären (die, im Falle von Füsslis Biografie, dem starken Interesse am Theater entspringen- von de Chirico weiß ich es bis dato noch nicht)

4. während de Chirico generell sehr stille Alpträume, menschenleer und mit langen Schlagschatten ausgerüstet, darstellte, wählte Füssli eher dramatische Bildmotive (weniger am Nachtmahr abzulesen, als an der Fülle anderer Bilder mit mythologischen Inhalten- was hier allerdings nicht Gegenstand der Untersuchung war und der unterschiedlichen Malweisen geschuldet ist- de Chirico setzte die Farbe eher flächlich und weniger dynamisch ein)

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The Immaculate Conception (Die unbefleckte Empfängnis), Max Ernst (*1)


Max Ernst brachte das Motiv der Schläferin (zumindest der erwartungsvoll Liegenden) wohl ebenfalls in seine Grafik. Ich sehe in der ironischen Hintergründigkeit dieses Bildes, einen Künstler, der (in seinen Werken häufig) mit den Werten und Normen der Gesellschaft spielt und provoziert, Tabus bricht.
Aber mir scheint es hier auch um eine Art sexueller Traummaschine/ Tramataspermierungskanone/Lustorgel zu gehen, die die Schläferin/Dame mit oder ohne ihr Einverständnis in das Reich bestimmter Träume entführt... anscheinend sind alle Nachtalpen und mythologischen Figuren Jahrzehnte nach Füssli nicht mehr wirksam genug, ausgestorben oder aber verbannt worden.

Ein Herr der gehobenen Gesellschaft spannt in dieser Situation oder bedient einfach (impotent wie er ist) diese Maschine, die an ein Musikinstrument erinnert und die Seele der Schönen zum Klingen bringen soll, die sie künstlich berührt empfänglich macht... eine künstlich-groteske Situation ...völlig entmenschlicht... eine Kritik an der bügerlichen Gesellschaft... und in gewisser Weise eine notwendige Fortsetzung der ironischen Anspielungen Füsslis, der seiner Gesellschaft mit den Turbulenzen um die Sagenfiguren und um die Mehrdeutigkeit seines Bildes, das nicht frei von sexuellen Anspielungen ist, einen Spiegel vorhält (nicht offen auslebbare Wünsche?). *2

Den Bogen zwischen Romantik und Surrealismus zeichnet Michael Perkampus in seinen Schriften sehr anschaulich.

Und nie zuvor erschien mir diese zwangsläufige Verbindungslinie, direkt zum Surrealismus so klar und deutlich (deswegen auch eine kleine Spielerei am Ende dieses Punktes nach dem Motto "...spinnt die Einbildung weiter und webt neue Muster")- wie hier mit Füsslis Bild als Ausgangspunkt (das ja nun wirklich einem Rätsel gleicht):

"Der Witz der Bilderrätsel, ihre gefährliche Technik, die einen ganz speziellen Humor streift, ihre enthüllenden Rätsel, überraschenden Lösungen, die bis zur Antwort reichen, in der Transparenz gelesen, sie berühren sich immer mit dem Wunderbaren. Sie sind dessen kindliche und leuchtende Straße. Die poetischen Identifikationen, die seltsamen Verwandtschaften, das Echo ihrer Transfigurationen, die Vertauschungen, das Interpretationsfeld, das sie anbieten, sie machen aus den Bilderrätseln kostbare Sphinxe. Was Poesie beantwortet, sie drücken es auf eine so unterschwellige und so direkte Weise aus.
Der Reiter ist unter seinem Pferd. (...)"

Quelle: Surrealismus in Paris, 1919-39; Hrsg. Karlheinz Barck, Reclam 1985; S. 218 ff.

Hmmmm...: Die Reiterin liegt bei Füssli unter ihrem Pferd!....

Die Träumerin, dahingesunken nach einem kräfteverzehrenden Liebesakt. Ihr Partner (Schimmel) wundert sich, dass sie schon abgestiegen ist oder konnte gar nicht registrieren, dass... naja, man kanns auch auf die Spitze treiben... wodurch wir wieder bei den Themen Dreiecksbeziehung und Gefühl des Emporgezogenwerdens angelangt wären. Ich schließe diese erste Spinnrunde nun ab.


2. Bogen

Der ungeduldige Goethe sprach dem Maler Füssli die Poesie ab, während er sie dem Schriftsteller Füssli zubilligte. Dies steht meiner Auffassung in Bezug auf dieses Bild diametral gegenüber (um so etwas auch noch für ein ganzes Werk zu verallgemeinern, müsste man eine Werkschau betreiben, die den Rahmen dieser Reise sprengt).

Wir bekommen hier ein potisch verdichtetes Werk vorgestellt, das sich keinem akademisch gängigen Programm seiner Zeit verpflichtet fühlte, sondern etwas Einmaliges, Ungeahntes, Neuartiges hervorbrachte.

Wertschöpfung durch Wertschätzung. Wer den Künstler, wer das Bild achtet, kann auch reich werden- reich an Anregungen für sein eigenes Leben, sein kreatives Tun, für seine eigene Reise durch die Welten...

Es folgt ein 3. Bogen.

__________________________________


*1 In contrast to the later Une Semaine de Bonté, La Femme 100 Têtes lacks thematic unity. Max Ernst likes to pounce on taboo subjects. Often the theme of a picture is the Immaculate Conception; on one occasion it is Extreme Unction; then St Nicholas walking on the waters like Christ (and steered by remote control), and finally God the Father involved in an underground railway accident. This anticlerical tendency […] finds expression in the sarcastic distortion of religious rites. Another frequent feature is the exposure of repressed middle-calss notions about sex… - U.M. Schneede.

*2 rückversichernde Recherchen gibt zum Zeitpunkt nicht... aber das Bild wird mich sicher noch dazu verführen

Und heute gab es auf der Reise auch noch diesen Zufallsfund, den ich zugern hierfür schon gelesen hätte:

LINDAU U. "Progressive Universalpoesie": Max Ernst
und die deutsche Romantik. Studien zur Methodik.
Diss. - Bonn, 1995. - 539 S.: Ill. - Bibliogr.
 

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